© Noshe

Das Museum Brandhorst beherbergt eine bedeutende Privatsammlung moderner und zeitgenössischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, vorwiegend Gemälde. Das Gebäude besteht aus einem langgestreckten Riegel- und dem Kopfbau, der die Nordost-Ecke des Münchner Kunstareals markiert. Beide Gebäudeteile sind durch eine räumlich texturierte und poly­chrome Hülle bekleidet, die das Haus mit abgestufter Farbigkeit und Tonalität als drei verschränkte Einzelvolumen erscheinen lässt.

Im Inneren erstrecken sich die natürlich belichteten Galerien über drei Ebenen, die durch Variationen in Abfolge, Größe und Proportion der Räume differenziert werden. Im Untergeschoss bildet der große tagesbelichtete Patio den Auftakt zu einer Serie von künstlich belichteten Kabinetten für Fotografie, Grafik, Buch- und Medienkunst. Die Ausstellungsbereiche im Erdgeschoss werden mittels innovativer Lichtlenkung von der Seite belichtet, während die oberste Etage durch Oberlichter illuminiert wird. Hier befinden sich die größten Räume, darunter eine eigens für Cy Twomblys monumentalen Lepanto-Zyklus entworfene Galerie.

Die Außenhaut des Gebäudes besteht aus glasierten Keramikstäben sowie einer horizontal gefalteten Metallfassade in zweiter Ebene. Nach dem Prinzip der kinetischen Polychromie ergibt sich eine dynamische Erscheinung mit zahllosen Variationen zwischen einem flächigen, fast entmate­rialisierten Eindruck aus der Ferne und dem einer räumlich gewebten Struktur aus der Nähe. Wie ein großes abstraktes Gemälde macht die Fassade im Stadtraum auf das Museum als Ort lebendiger Kunst aufmerksam.

© Noshe

Essay

Matthias Sauerbruch

© Annette Kisling
© Jan Bitter

Während im Inneren des Museums das Hauptaugenmerk darauf liegt, ideale Ausstellungsbedingungen herzustellen, soll sein polychromes Äußeres auf seine Besonderheit als Ort ästhetischer Wahrnehmung und lebendiger Kunst aufmerksam machen. Die mehrschichtige Fassade hat aber auch eine technische Aufgabe: Vor der Unterkonstruktion und der Wärmedämmung befindet sich eine horizontal gefaltete zweifarbige Blechhaut, deren Feinperforation den Lärm des Autoverkehrs an der Türken- und Theresienstraße absorbiert. Vor dieser horizontal betonten Fassadenfläche bilden dann 36.000 in insgesamt 23 verschiedenen Farben glasierte, vertikale Keramikstäbe (4 × 4 × 110 cm) eine oszillierende äußere Schicht.

In der Fläche erzeugen die Überlagerung der horizontalen und vertikalen Linien sowie der Kontrast und das Verschmelzen der Farben eine Gesamtwirkung, die die geschlossenen Außenwände des Hauses in Schwingung versetzt, fast entmaterialisiert, denn die Oberfläche des Baus verändert sich mit der Bewegung des Betrachters. Zwischen der Schrägsicht, in der sich die vertikalen Keramikstäbe zu einer massiven Fläche zusammenziehen, und der Frontalsicht, bei der sich die mineralische Haut öffnet und der horizontal betonte Hintergrund sichtbar und dominant wird, ergeben sich zahllose Variationen in Materialität und Struktur. Die Farbgruppen vereinen sich aus der Ferne gesehen zu einem neutralen Farbton mit jeweils anderer Helligkeit und eigenem Farbeinschlag. Aus der Nähe betrachtet löst sich jedes dieser Felder wiederum in seine unterschiedlichen Einzelfarben auf.

© Jan Bitter

Die Räume dieses Museums werden in der Tradition der Münchner Häuser fast alle mit Tageslicht belichtet – auch das Untergeschoss. Im Souterrain wird dies durch eine Verschiebung des Grundrisses erzielt, die eine direkte Belichtung des Patios von oben ermöglicht. Im Erdgeschoss lenkt ein innovatives System von Reflektoren das Tageslicht aus dem Zenit über ein asymmetrisch angeordnetes Fensterband in die Galerien und leuchtet diese gleichmäßig aus.

In allen Ausstellungsräumen wird das helle Tageslicht (im Sommer bis zu 100.000 Lux) durch dynamische Lichtlamellen gefiltert und auf Galeriestärke (ca. 300 Lux) abgeblendet. Tageslichtdecken aus transluzentem Textil sorgen für eine gleichmäßige Verteilung des Lichtes und mildern starke Lichtschwankungen. Zusätzlich sind über den Tageslichtdecken Kunstlichtquellen angebracht, die bei Bedarf zugemischt werden beziehungsweise das Tageslicht ersetzen können. Reines Tageslicht kann je nach Etage zu 50 bis 75 Prozent der normalen Öffnungszeiten des Museums genutzt werden.

photo: Annette Kisling / © Cy Twombly Foundation
photo: Annette Kisling / © Sigmar Polke 2009

Hohe Anforderungen an die Stabilität von Temperatur, relativer Luftfeuchte und Luftqualität in Ausstellungsräumen und Depots mit internationalem Standard verlangen einen sehr hohen Grad technischer Installation. Um diesen Aufwand so gering wie möglich zu halten, wurde in Zusammenarbeit mit dem Haustechnikbüro eine energiesparende Strategie entwickelt. Die Heizung und Kühlung des Hauses wird weitgehend mit einer Grundwasserwärmepumpe betrieben, die sich aus den sehr hohen Grundwassertemperaturen im Münchner Museumsquartier speist und dieses damit abkühlt. So wird eine vorhandene, kostenfreie Energiequelle genutzt, und nebenbei der Wärmehaushalt des Grundwassers normalisiert.

Zudem wird das Museum nicht nur über die Raumluft, sondern vor allem über eine Bauteilaktivierung temperiert. Mit einem System aus wasserführenden Rohren, die etwa 10 cm unter den Oberflächen liegen, werden alle Fußböden und die meisten Wände des Museums aktiviert. Dieses System strahlt Wärme beziehungsweise Kälte direkt in Wand oder Boden und von dort in den Raum ab, und schafft damit sehr stabile Klimabedingungen für die ausgestellten Werke. Somit kann die umgewälzte Luftmenge im Vergleich zu einer herkömmlichen Klimatisierung durch ausschließlich raumlufttechnische Anlagen annähernd halbiert werden. Dazu ist auch die Temperaturstabilität in den Räumen, insbesondere bei einem temporären Ausfall der Technik, wesentlich höher.

© Annette Kisling

Aufgabe

  • Museum für eine private Kunstsammlung

Bauherr

  • Oberste Baubehörde im Bayrischen Staatsministerium des Innern
  • Staatliches Bauamt München I

Daten

  • Bruttogeschossfläche: 12.110 m²
  • Wettbewerb: 2002, 1. Preis
  • 2005 — 2009

Auszeichnungen

  • International Prize for Sustainable Architecture, Silver Medal
  • Artouro, Bayerischer Architektur Tourismus Preis
  • Designs of the Year 2010, Design Museum London, Nominierung
  • Lubetkin Prize 2009, Nominierung
  • Mies van der Rohe Award 2009, Nominierung

Projektteam

Jörg Albeke

Hirokatsu Asano

Britta Aumüller

Philipp Eckhoff

Lara Eichwede

Philip Engelbrecht

Angelika Fehn Krestas

Ramiro Forné

Felix Habich

Ines Hertwig

Rasmus Jörgensen

Tanja Kausch-Löchelt

Ken Koch

Seamus Kowarzik

Michaela Kunze

Marie Langen

Ilja Leda

Daniela McCarthy

Markus Pfeifer

Maria Saffer

Birgit Schönbrodt

Nadja Stachowski

Paul Steinbrück

Kerstin Treiber

Anja Vogl

Constantin von der Mülbe

Peer Weiß